Klaus Staeck

Politische Plakate

Revisited

Erste Ausstellung in der Lindenstrasse 1990

Birgit-Katharine Seemann

»NICHTS IST ERLEDIGT«

Die Corona-Pandemie hat über Monate hinweg den Kulturbetrieb lahmgelegt: Museen, Theater und Konzerthäuser wurden geschlossen und auch die Ausstellung »Klaus Staeck: Politische Plakate. Revisited« konnte wegen der coronabedingten Schließung der Gedenkstätte Lindenstraße nicht zum vorgesehenen Termin, am 5. Mai 2020, eröffnet werden. Dieser Termin war überlegt gewählt: 30 Jahre nach der Eröffnung der »ersten« Staeck Plakat-Ausstellung und am Vorabend des 30. Jahrestages der ersten freien Kommunalwahlen.

Für die Bewusstmachung der Zeitlinien, die in Zusammenhang mit der Ausstellung stehen, war die Verschiebung bedauerlich – hätte ihre Präsentation doch in der Gedenkstätte Lindenstraße zur Diskussion der Gegebenheiten in diesem besonderen Jahr angeregt. Andererseits eröffnet »Politische Plakate. Revisited« auch jenseits des Jubiläums Perspektiven, die die siebziger und achtziger Jahre des letzten Jahrhunderts beleuchten, aber auch Gegenwart und Zukunft berühren. Die Plakate, die auf Umweltverschmutzung, Flüchtlingselend oder Turbokapitalismus verweisen, greifen wie in einem »fernen Spiegel« – um auf ein Bild der amerikanischen Historikerin Barbara Tuchman zu rekurrieren – noch immer oder schon wieder aktuelle Themen auf und reflektieren Staecks Credo »Nichts ist erledigt«. Dieses Credo mag Klaus Staeck bewogen haben, eine Auswahl seiner Plakate in dem ehemaligen Stasi-Gefängnis in der Otto-Nuschke-Straße (heute Lindenstraße) zu präsentieren. Die Idee zur Ausstellung ging auf Rudolf Tschäpe zurück, die Betreuung und Begleitung des Projekts lag bei Heinz Schönemann. Es war eine deutsch-deutsche Kooperation, die, umgesetzt von Birgit Reissland, mit den Mitteln der Kunst einen Ort des Grauens besetzte und gleichzeitig die »Mittelmäßigkeit und Schäbigkeit« (Heinz Schönemann) seiner Handlanger bloßlegte.

Amélie zu Eulenburg, die Kuratorin des »Revisited«-Projekts, hat archäologische Arbeit geleistet, indem sie die Umstände der Schau des Jahres 1990 und die Rolle ihrer Protagonistinnen und Protagonisten freigelegt und eingeordnet hat. Die Ausstellung erzählt von dem Gefängnis in der Potsdamer Innenstadt und rekonstruiert dessen Bedeutung als Wirkungsort der politischen Opposition und Inbesitznahme durch die Bürgerbewegungen ARGUS, Neues Forum und der SPD und weiterer Akteure, die Räume im Vorderhaus als Büros für ihre politische Arbeit nutzten. Heute entsteht ein Bürger:innenarchiv in der Gedenkstätte Lindenstraße, das die Dokumente dieses Um- und Aufbruchs bewahren wird.

Um die Ereignisse des Jahres 1990 zu rekonstruieren, bedurfte es vieler Interviews und gründlicher Recherche, die nun die Grundlage für die »Revisited«-Ausstellung bilden. Neben den historischen Fakten ist die Ausstellung eine Reflektion von Vertrauen und Freundschaft — zwischen dem Astrophysiker und Bürgerrechtler Rudolf Tschäpe und dem stellvertretenden Direktor der Staatlichen Schlösser und Gärten Potsdam-Sanssouci, Heinz Schönemann. Beide hatten viele Jahre gemeinsame Ausstellungsprojekte auf den Weg gebracht, wie zum Beispiel jenes des Bildhauers Wieland Förster 1974 im Zentralinstitut für Astrophysik der DDR auf dem Telegrafenberg. Die Plakatausstellung 1990 wäre ohne die Aktivitäten Tschäpes und Schönemanns, die beide von der Staatssicherheit überwacht wurden, nicht denkbar gewesen.

Die aktuelle Ausstellung ist nicht nur eine Reminiszenz an die Schau von 1990, sondern verweist auf die Geschichte der Bürgerbewegung in Potsdam und auf die demokratischen Entwicklungen im Vorfeld der ersten freien Wahlen in der DDR. Und sie legt Zeugnis davon ab, wie nach 1989 in der Stadt Potsdam durch die Bevölkerung Räume erobert und transformiert wurden.

Die Ausstellung ist durch die Arbeit und das Engagement vieler Menschen ermöglicht worden, die nicht alle namentlich genannt werden können. In erster Linie bedanke ich mich bei Amélie zu Eulenburg, die die Ausstellung kuratiert und organisiert hat. Mein besonderer Dank geht an Heinz Schönemann, Claus Peter Ladner und Gudrun Tschäpe, die die Idee zu »Politische Plakate. Revisited« hatten und Klaus und Rolf Staeck, Bernd Blum- rich, Birgit Reissland, Gisela und Günther Rüdiger, Monika Krüger (Potsdam Museum – Forum für Kunst und Geschichte) und Gudrun Weber (BStU), die Dokumente zur Verfügung gestellt und der Gedenkstätte beratend zur Seiten gestanden haben. Dies gilt auch für Wieland Eschenburg, Saskia Hüneke, Kurt Schilde, Thomas Wernicke und Hannes Wittenberg sowie Ulf Preuß vom Digitalisierungslabor der Fachhochschule Potsdam. Für die gute Zusammenarbeit bedanke ich mich bei Miriam Brehmer, Christina Haeberle, André Podubin sowie Johanna Unterberg und Roland Wulftange von smile. Für die Unterstützung und Förderung gilt der Dank der Stiftung Gedenkstätte Lindenstraße der Fördergemeinschaft »Lindenstraße 54« sowie der Landeshauptstadt Potsdam und dem Ministerium für Wissenschaft Forschung und Kultur des Landes Brandenburg.

Die Ausstellung ist dem Andenken Rudolf Tschäpes gewidmet.